Ruhrnachrichten vom 19.04.09:

Vom ersten Augenblick an schlagen sie das Publikum im Saal des Kunstvereins in ihren Bann. Es kann sich auch kaum erwehren, denn durch die 360-Grad-Projektionstechnik wird es zu einem Teil des Schauspiels, das hier geboten wird. Das leise Knarzen aus den Lautsprechern findet seine Entsprechung in zackigen, gestrichelten Linien auf den Wänden, farbige Balkenmuster fallen auf die Gesichter der Besucher und der Künstler. Der Raum und sein Inhalt werden zum Kunstwerk: Eine große Maschine, die Licht. Farben und Geräusche produziert.

In großen Gesten streicht Laurenz Theinert über das Lichtklavier, traktiert tasten und Pedale. Axel Hanfreich drückt Knöpfe, dreht und schiebt Regler am Sequenzer: Sehr sparsam, aber sehr effektvoll. Minimale Beats, die zum Tanzen einladen, wechseln sich mit verstörenden Noiseorgien ab. Das Ergebnis überzeugt. Schade, dass sich niemand traut in entsprechend ekstatische Bewegungen auszubrechen. Manchmal ist die Ehrfurcht vor zeitgenössischer Kunst vielleicht zu groß. [...]

 

Stuttgarter Nachrichten vom 14.08.04:
Hammerhaus im Merlin

Aus der Stille taucht ein Rascheln auf. Dann ein dumpfes Klopfen. Zögerlich wird ein Beat daraus, der erst unverbindlich pocht, bald aber fordernd hämmert, lose Harmonien und Tonfolgen mit sich fortreißt und schließlich zu dicht gedrängten Rhythmus- und Klangsstrukturen findet. Die elektronische Musik des Trios Hammerhaus, das am Donnerstag im Merlin aufgetreten ist, liebt das Eskalationsprinzip und das Kombinieren von Club- Beats mit Soundgebilden zwischen Ambient und experimenteller Klangkunst. Während Axel Hanfreich für digitale Beats und analoge Loops und Marit Schlechte für Keyboard und Mini-Disc-Player zuständig ist, bedient Laurenz Theinert ein Visual Piano, mit dem er über eine Tastatur grafische Elemente in Echtzeit erzeugen und verändern kann. Die Bilder, die er so im Merlin an die Wand wirft, sind integraler Bestandteil des Konzepts.

Die Musik von Hammerhaus ist im positiven Sinne bedeutungslos, verweist auf nichts außer sich selbst, und findet in den Rechtecken und Linien, mit denen Theinert die Leinwand füllt, ihr visuelles Äquivalent. Die minimalistischen Sounds von Schlechte und Hanfreich tönen wie Eindrücke aus einer abstrakten Welt, die keine natürliches Geräusche kennt, nicht einmal Diagonalen, sondern nur rechts und links, oben und unten, als hätte Mondrian die Musik gemalt.
Die Stücke, die das Trio in zwei jeweils halbstündigen Sets spielt, sind aus Improvisationen entstanden und lassen den Klang- und Videokünstlern weiterhin viel Freiraum. Mal ergänzen Theinerts grafische Umsetzungen das Klangbild, mal setzen sie einen Gegenrhythmus. Und Hanfreich erweist sich als ein Virtuose an den Sequenzer-Reglern, der eine Vorliebe für Beats hat, die schmatzend am Boden festzukleben scheinen, während Schlechtes Harmonien schwerelos wirken.

 

Stuttgarter Nachrichten vom 04.03.2003:
Mit Nu Jazz in die Charts: Axel Hemprich alias Hanfreich
Schönes aus wenig Tönen

Konzentriert lächelt Axel Hemprich, seine Hände huschen über sein neues Spielzeug, einen Sequenzer. Fricklige Beats produziert das Gerät. Die Situation könnte nicht besser an diese Stelle des aufgeführten Stücks "Wheels of Life" passen, das sich mit dem Auf und Ab des Lebens beschäftigt.
Die Kindheit ist das Thema. Daniela Pöllmann rezitiert und singt Texte verschiedener Autoren im Rhythmus der gesampelten Grooves. Das zweiteilige, weiße Thermokleid, das sie trägt, ist eindeutig zu warm für den gut gefüllten Tearoom. In jeder Pause kommt schleunigst das schwarze T-Shirt zum Vorschein.
Fernab vom Schwarzweißdenken oder gar von religiösen Absolutismen, sinniert sie in den Texten zuweilen ironisch über die Komplexität des Lebens: "Und dass du nicht vor mir stirbst", mahnt die Mutter das Kind, "sonst muss ich auch noch um dich trauern!" Hemprich, besser bekannt als Hanfreich, untermalt die verbale Szenerie mit den verzerrten Klängen eines E-Cellos.

Der gebürtige Würzburger wurde durch eine Krankheit dazu gezwungen, auf dieses Instrument umzusatteln. Eigentlich kam er nach Stuttgart, um an der Staatlichen Hochschule für Musik E-Bass für Jazz und Popularmusik zu studieren. Nach zwei Jahren setzte der Körper dem dann einen Schlusspunkt. Entmutigen ließ Hanfreich sich davon nicht. Vielmehr wurde ihm im anschließenden Informatik-Studium endgültig bewusst, dass es für ihn nur die Musik gibt.
So setzte er seine Computerkenntnisse gleich dazu ein, ein Musikprogramm für den litauischen Komponisten Ricardas Kabelis zu schreiben. Elektronische Musik hat es Hanfreich ohnehin angetan. Samples und elektronische Beats bilden das Rückgrat seiner Band Schnute, seines Projekts Schmollmund und der zahlreichen Filmmusiken, die er inzwischen geschrieben hat. Nu Jazz lautet das Zauberwort - mit Schnute hat er damit sogar den Sprung in die Clubcharts geschafft.

Wie das so kommt: in Stuttgart ist er letzten Endes hängen geblieben, weil sich ein musikalischer Freundeskreis gebildet hat, der Hemprichs Vorstellungen entspricht. Ohne den akademischen Anspruch von Jazz als Königsklasse der Musik, fasziniert ihn ansprechende, emotionale Musik. "Mit wenig Tönen viel zu machen, ist doch das Schöne!"
Das fand auch die Kunststiftung Baden-Württemberg und versah ihn mit einem Stipendium. Ende März setzt sich die Zusammenarbeit fort, dann tritt Schmollmund im Rahmen der "Langen Nacht der Museen" im Kunstverein auf. Im November besteht sogar die Möglichkeit, im Goethe-Institut Lissabon zu spielen.
Nun, da er bald dreißig wird, hat der schüchterne Mann mit dem unaufgeräumten Pferdeschwanz allen gesundheitlichen Rückschlägen zum Trotz allen Grund zufrieden zu sein. Auch wenn er bemerkt: "Sind Wünsche erst einmal in Erfüllung gegangen, zählen sie kaum noch." Doch neue Herausforderungen warten - die Räder des Lebens rollen in immer neue Richtungen. (Steffen Beck)

 

Stuttgarter Nachrichten vom 20.4.2001:
Schweißfreie Beats - Jinny & Hanfreich in Rogers Kiste

"Es soll Jazzfans geben, die bis heute glauben, Drum-Computer seien Teufelswerk. Diese Leute dürften fortan Rogers Kiste, eine der wenigen verbliebenen Jazz-Stätten Stuttgarts, erst nach einem gründlichen Elektronik-Exorzismus betreten. Denn der Laden ist entweiht, seit dort das NuJazz-Duo Jinny & Hanfreich die digitalen Geister rief.

Es begann mit Mitternachts-Sessions, von den beiden Jung-Jazzern mit wechselnden Solisten bei positiver Resonanz bestritten, und endete vorerst mit einem ebenso positiv aufgenommenen Samstags-Gig. Jinny (Groove-Box), der auch für die Videobilder im Bühnenhintergrund sorgte, ließ es mit typischen DJ-Körperbewegungen (exzessives Kopfnicken) digital klappern und ticken. Währenddessen intensivierte der gelernte Cellist Axel Hemprich alias Hanfreich (Keyboards, Bass, Programming) die dichten Grooves mit seinem E-Bass, der die oft harten Computer-Beats zugleich erdete und solistisch anhob, wenn er nicht plötzlich von den Saiten abließ, um auf den Keyboard-Tasten per Fingerzeig mit fast identischen Tieftönen fortzufahren. Merke: Es bedarf heutzutage keiner schweißtreibenden Muskelarbeit mehr, um grandiose Grooves zu generieren.

Carsten Netz (Tenorsaxofon, Flöte), Gast des Abends und Hanfreich-Partner bei der Band Schnute, könnte ohnehin als Solist alter Schule Karriere machen. Sein Spiel konzentriert sich hier zwar weniger auf Soli als auf Klangfarben, die in elegischen Ambient-"Songs'' - oft spontan entstanden - oder auch in stark rhythmisierten Stücken für Aufhellung sorgen. Der Einfallsreichtum seiner Free-Attacken zeugte indes vom Talent des profunden Improvisators, der die tonalen Grenzen seines Instruments auszuweiten versteht. Netz ist Jazz as Jazz can, da kann kein Purist dran rütteln. Und Jinny & Hanfreich sind als Rhythmusgruppe wohl die Elektro-Elite der Stuttgarter Jazzszene." (Michael Riedinger)